“Was Man Von Hier Aus Sehen Kann” – Mariana Leky (5/5 ★)

Wäre es nicht für “Bookstagram” (= Buchempfehlungen auf Instagram), hätte ich wahrscheinlich “Was Man Von Hier Aus Sehen Kann” niemals gelesen! Die Inhaltsangabe an sich sprach mich nicht besonders an, aber umso glücklicher war ich darüber, dank dem Hype um das Buch herum es entdeckt zu haben. Die Autorin nimmt einen auf eine emotionale Achterbahn mit, auf der einem mal zum Lachen und mal zum Weinen zumute ist. Es ist warm und gemütlich, fesselnd und berührend, ein wenig eigenartig und mit viel Humor geschrieben. Woran es mich am meisten erinnert hat, war die Stimmung in dem Film “Die fabelhafte Welt der Amélie”. Sowohl im Film, als auch in diesem Buch, wird man von der Beobachtung des “normalen” Lebens überrascht und bekommt einen neuen Blickwinkel auf gewöhnliche Situationen geschenkt.

“Bevor man stirbt, fanden sie, sollte man wenigstens auf den letzten Drücker Wahrhaftigkeit ins Leben bringen. Und die verschwiegenen Wahrheiten, glaubten die Leute, sind die wahrhaftigsten überhaupt: Weil nie an ihnen gerührt wird, ist ihre Wahrhaftigkeit gestockt, und weil sie in ihrer Verschwiegenheit zur Bewegungslosigkeit verdammt sind, werden diese Wahrheiten im Lauf der Jahre immer üppiger. Nicht nur die Leute, die die verschwiegene und beleibte Wahrheit herumtrugen, auch die Wahrheit selbst glaubte an die Wahrhaftigkeit auf den letzten Drücker. Auch sie wollte kurz vor knapp unbedingt hinaus […].” (p. 24)

Es ist ziemlich schwer zu beschreiben, worum es in dem Buch genau ging. Der rote Faden dreht sich um Selma, eine der Hauptpersonen, die in ihren Träumen immer wieder einem Okapi begegnet (das ist ein tatsächliches Tier! Ich musste es selber auch googeln 😉 ) und damit den Tod einen der Bewohner ihres Dorfes vorhersieht. Es geht aber vielmehr um all die Menschen, die Selma in ihrem Leben umgeben. Ihre Beziehungen zu einander, ihre Entwicklung über mehrere Jahre hindurch, ihr Gefühlsleben, ihre Interaktionen miteinander, ihre Sorgen und Leiden, ihre Freuden und ihre Liebe. All das wird mit so einem besonderen Schreibstil ins Leben gerufen, dass ich mich beim Lesen in eine komplett andere Welt versetzt fühlte.

“[…] Das alles wusste ich natürlich nicht, denn wir würden den Verstand verlieren, wenn wir solche Dinge im Vorhinein wüssten, wenn wir im Vorhinein wüssten, dass sich in nicht mal einer Stunde das ganze großflächige Leben in einer einzigen Bewegung umdrehen wird.” (p. 100)

Die Sprache zog einen magisch in ihren Bann und dieses Buch ist das perfekte Beispiel für den Fall, wo man nicht aufhören kann zu lesen, man aber auch langsamer lesen will, da man nicht möchte, dass die Geschichte zu Ende geht. Ich selber habe den Roman innerhalb von zwei Abenden verschlungen, kann mir aber jetzt schon vorstellen, es an einem gemütlichen Herbst- oder Wintertag nochmal zu lesen.

“Beide sahen wir an die Zimmerdecke, als habe jemand angekündigt, dass sich dort in wenigen Minuten eine preisgekrönte Dokumentation abspielen würde. Ich habe nicht gewusst, wie auffällig ich nicht schlief, bis Frederik irgendwann sagte: ‘Du musst jetzt mal schlafen, Luise.’
‘Ich bin doch ganz still’, sagte ich, und Frederik sagte: ‘Man hört bis hierher, wie du ganz still bist.’ ” (p. 176)

Die Autorin fängt die magischen Momente des Alltags auf eine besondere Art und Weise ein, die mit einem beeindruckenden Gespür für Details gefüllt ist. Die Charaktere sind so menschlich beschrieben, so dass bestimmt jeder in ihnen etwas findet, was einem bekannt vorkommt. Ob in Zusammenhang mit einem selber, oder mit Menschen, die man kennt oder die einem nahe stehen. Mich hat besonders die Beschreibung im Zitat darunter zum lächeln gebracht, da ich darin einen Ausdruck für mein eigenes Verhalten gefunden habe. Gerade erst 4-5 Jahre her, habe ich versucht ein Bett in voller Größe alleine in den zweiten Stock in einem Mini-Treppenhaus ohne Aufzug hoch zu schleppen… Ergebnis: Ein um 2 in der Früh steckengebliebenes Bett im Treppenhaus und die Erkenntnis, dass ich lieber nach Hilfe hätte fragen sollen 😀

“Selma fand es immer zu umständlich, sich helfen zu lassen. Das Umständliche war vor allem das Bedanken hinterher, fand sie. Lieber fiel sie von einer haltlosen Leiter, lieber bekam sie einen elektrischen Schlag von einer Motorhaube, einen Hexenschuss von zu schweren Tüten, lieber brach sie durch die Böden ihrer Wohnung, als Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich hinterher umständlich bedanken zu müssen.” (p. 115)

“Was Man Von Hier Aus Sehen Kann” hat das Zeug es auf die Liste meiner Lieblingsromane zu schaffen und hat sich definitiv einen Platz innerhalb der Gruppe der Top 10 in 2020 gelesenen Bücher verdient. Ich kann euch das Buch absolut empfehlen und es vor allem in einer Umgebung und einer Zeit zu lesen, wo ihr Stille und Ruhe für euch habt. So hat es für mich am besten funktioniert, da ich dadurch komplett in die Welt der Autorin und ihrer Charaktere eintauchen konnte. Ich bin wahnsinnig gespannt bald weitere von Mariana Leky’s Büchers zu lesen!

★★★★★ (5/5)

Edition: ISBN 978-3-8321-6457-7
DuMont Buchverlag, 2019

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