“Couchsurfing in China” – Stephan Orth (5/5 ★)

Nachdem ich ein riesiger Fan von Stephan Orth’s beiden anderen Couchsurfing Büchern war (Couchsurfing im Iran und Couchsurfing in Russland), war ich wahnsinnig gespannt über seine neuen Abenteuer in China. Ihr habt wahrscheinlich die Bewertung im Titel schon bemerkt und ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass es absolut lesenswert ist! Ich bin immer noch froh darüber, dank einer Freundin über den Autor gestolpert zu sein (du weißt wer du bist, wenn du das liest 😉 ), da er mit seinen drei Büchern, die ich von ihm gelesen habe, mittlerweile zu einem meiner Lieblingsautoren gehört!

In diesem Buch geht es um seine Entdeckungsreise nach China und zwar hauptsächlich, wie es auch aus dem Titel des Buches erkenntlich ist, indem er auf den Sofas von Bewohnern der verschiedenen Städte, die er besucht, bleibt. Wie auch in den anderen zwei Büchern, wird man von einem angenehmen Schreibstil verwöhnt, der einen mit seiner Direktheit und Ehrlichkeit sofort in seinen Bann zieht. Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund und schreckt sich nicht davor zurück alle Facetten der Reise zu beschreiben, auch wenn es mal ein bisschen eigenartiger wird (wenn ihm ein Festmahl von einem geschlachteten Hund zum Beispiel aufgetischt wird).

“Überlebensstrategie fürs Hundeessen Nummer eins: mit möglichst wenig Zungenberührung kauen, um vom Geschmack verschont zu bleiben. Erfolg: mäßig.
Die nächsten Stücke sind keine Innereien, enthalten aber viel Knochen und manchmal große Teile Fett. Der arme Xiao Bai schmeckt wie eine Mischung aus Rind und Schwein, nur etwas deftiger. […]
Überlebensstrategie fürs Hundeessen Nummer zwei: Portion zwischen Stäbchen länger als nötig abkühlen lassen, nach dem Runterschlucken einfach weiterkauen, um Zeit zu gewinnen. Erfolg: ‘Iss mehr’, verlangt Charley.” (p. 87)

Durch Einblicke in Gespräche mit den Leuten vor Ort, erfährt man in was für einer anderen Gesellschaft das Leben sich in China abspielt, wenn man von dem Aussichtspunkt einer europäischen Gesellschaft ausgeht. Man bekommt eine Mischung aus sehr persönlichen Aussagen und Meinungen der Leute, aber auch sehr gut recherchierte zusätzliche Fakten, durch welche ich einiges neues gelernt habe.

” ‘Es geht darum, was du online gepostet hast oder was deine Freunde gesagt haben’, sagt Simone. ‘Wenn du verheiratet bist, giltst du als relativ ‘stabil’. Mit Kindern noch mehr. Wenn ein Freund hingegen bei Weibo die Regierung kritisiert, wird das in Zukunft auch meine Punktzahl beeinflussen.’ ” (p. 40)

“Im Jahr 2008 erklärte China als erstes Land der Erde die Computerspielsucht zu einer psychologischen Störung, die es zu behandeln gilt. ” (p. 160)

Die beschriebenen Situationen mit den Gastgebern sind so authentisch geschildert, dass diese mich an meine eigenen Couchsurfing-Erfahrungen zurückerinnert haben: Wenn man mal zum Haus des Gastes eine Stunde hinbraucht, worüber er dich vor deinem Ankommen natürlich nicht gewarnt hat, oder dass du dein Zimmer mit fünf Katzen teilen wirst 😀 All das entspricht tatsächlich der Realität und der Unterhaltungswert ist absolut garantiert, so dass ich bei einigen Passagen nicht mehr aufhören konnte zu lachen 😛

“Ein wackliger Aufzug bringt uns in den elften Stock eines verwitterten Hochhauses, und in der Wohnung lerne ich Mitzi, Munchi, Alba, Pickwick und Pumpkin kennen, die vierbeinigen Mitbewohner, mit denen ich das Wohnzimmer teilen werde. Jede Sitzgelegenheit ist derart mit Katzenhaaren übersät, dass mein Merinopullover beim Hinsetzen erfährt, wie sich ein Schnitzel im Paniermehl fühlt.” (p. 38)

“Zu Hause klappe ich mit Diego eine Pritsche auseinander, in der Mitte des Wohnzimmers ist gerade genug Platz dafür. Bald bin ich allein mit fünf aufgekratzten Katzen, denen der Zusammenhang zwischen ‘Licht aus’ und ‘schlafen’ nicht bekannt zu sein scheint. Sie klettern am Vorhang hoch, springen über Sofa und Pritsche, rasen am Kratzbaum in der Ecke und an meinem Rucksack auf und ab, maunzen und fauchen und keifen und kämpfen.” (p. 42)

Ich würde dieses Buch an all diejenigen empfehlen, die sich dafür interessieren ein bisschen mehr über China zu erfahren, vor allem aus dem Blickwinkel der Menschen und ihren Denkweisen.

” ‘Ich war in Serbien. Weil es dort mit dem Visum einfach war. Niemand lächelt in Europa. Ich hatte ständig Angst, dass jemand eine Waffe zieht und mich erschießt. Ihr seid so kühl. Und faul. Besonders faul sind die Italiener, hat mir ein Freund erzählt. Aber dafür etwas weniger kühl.’ […]
‘Wie macht man einen Europäer glücklich? Man gibt ihm ein Bier und setzt ihn an den Strand!’ […] ‘Crazy. Was findet ihr an Stränden so toll? Ist doch total langweilig.” (p. 58)


” ‘Warum machen sich die Chinesen so wenig Gedanken wegen der Überwachung?’
‘ Es ist doch schön, wenn sich dadurch die Qualität der Menschen verbessert. Und wir kennen es nicht anders, schon von Kindheit an.’ […] Sie deutet auf die halbkugelförmige Kamera an der Decke des Busses. ‘Und die sind hauptsächlich dazu da, uns zu schützen.’ ” (p. 176)

Wenn ihr euch generell für Reisen und das Kennenlernen von neuen Kulturen interessiert, werdet ihr das Buch auf jeden Fall auch genießen. Eine absolute Weiterempfehlung meinerseits! 🙂

★★★★★ (5/5)

Edition: ISBN 9-783890-294902
Piper Verlag, 2019

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