“Couchsurfing in Saudi Arabien” – Stephan Orth (4/5 ★)

Jedes Mal wenn die Nachricht erscheint, dass bald ein neues Buch von Stephan Orth veröffentlicht wird, mache ich wortwörtlich einen Freudentanz! Ich habe in der Zwischenzeit vier seiner Bücher gelesen und habe mich in jedes davon Hals über Kopf verliebt!!! Zu “Couchsurfing im Iran“, “Couchsurfing in Russland” und “Couchsurfing in China” kommt jetzt das vierte in der Reihe dazu, “Couchsurfing in Saudi Arabien”.

Das in Deutschland obligatorische “Tee oder Kaffee?” bekommt man hier nie zu hören, es ist selbstverständlich, beides hintereinander zu konsumieren. Wer von großen Mengen Koffein Kreislaufprobleme bekommt, sollte nicht zu viele Freunde an einem Tag besuchen.

S. 82

Ähnlich wie bei dem Buch über China, war diese Destination komplettes Neuland für mich. In dem gewohnten humorvollen Stil von dem Autor entdeckt er das Land, Stadt für Stadt, von Couch zu Couch. Es sind wieder Couchsurfing-Anekdoten präsent, die vor allem jene zum schmunzeln bringen werden, die selber die Plattform schon mal verwendet haben (wieso sind aber auch so viele der Hosts auf Couchsurfing soooo komplett verpeilt? 😀 ). Besonders spannend fand ich es, Parallelen zu “Couchsurfing im Iran” zu ziehen, eine ähnliche Destination, die nicht die anziehendste für Touristen ist. Es war schön auch hier die Gastfreundlichkeit der Leute zu erleben, die über die gängigen Stereotypen hinausreicht, man sei in dem Land nicht willkommen (vielleicht sogar zu willkommen, wenn der Enthusiasmus seiner Gastgeber nicht mehr zu bremsen ist 😀 ).

Beiläufig erwähnt er, dass sich in Hafar al-Batin der größte Schafs- und Ziegenmarkt der Golfregion befindet. Er selbst war noch nie dort, er ist gegen Schafe allergisch. Ich bin sofort hochinteressiert und schlage vor, allein per Taxi hinzufahren, um bei ihm keine gesundheitlichen Probleme zu verursachen. “Nein, ich bringe dich hin, kein Problem. Es ist auch für mich spannend, was du interessant findest”, sagt er.

S. 229

Das Buch hindurch hat man wirklich den Eindruck so ziemlich alle Bereiche des Lebens in Saudi Arabien kennenzulernen: Methoden der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit mit der “Schatteneinstellung” von Saudis, die Obsession mit sozialen Netzwerken, die Besonderheit, alles 12 Mal ablehnen zu müssen, den Umgang mit öffentlichen Hinrichtungen oder Homosexualität, aber auch unzählige kleine Fakten über Kamele. Eines wird einem beim Lesen ganz sicher nicht und zwar langweilig! Das Ganze ist beigemischt mit ein wenig Reisenostalgie, Zeiten wo wir noch einem Taxi nachrufen mussten, anstatt es einfach in einer App auf Knopfdruck zu bestellen. Es werden immer wieder Parallelen dazu gezogen, wie die Reise ausgesehen hätte, wenn man beim Ankommen nicht eine Simkarte mit Internetzugang in sein Smartphone hätte packen können. Am amüsantesten bleiben aber dennoch die vielfältigen Aussagen der Einwohner, als Beispiel hier eine, welche die Einstellung zu dem Westen und Europa darstellt:

Europa (er nennt es “Schengen”, als wäre das ein Synonym) kommt für ihn nicht infrage. Nicht nur, weil das Visum so schwer zu bekommen ist.

“Da könnte ich meine Kinder nicht mehr kontrollieren.”

“Wie meinst du das?”

“Vielleicht kommen sie vom Islam ab. Und ich dürfte sie nicht schlagen.”

Ich habe in meinem Leben viel Kritik an Europa gehört, aber dieses Argument kommt zum ersten Mal.

S. 201

Weshalb die Bewertung von 4 aus 5 ★ also? Es hat mir im Endeffekt nur eine Kleinigkeit gefehlt – um die Mitte herum hat sich das Buch ein wenig hingezogen, wo nicht sonderlich viel passiert ist. Vielleicht lag das auch daran, dass die Reise an sich einmal unterbrochen war, mit einer Rückreise nach Deutschland, was beim Lesen spürbar war. Was aber in dem zweiten Teil sofort wieder aufgeholt wurde! Allgemein hatte ich weniger Bindung dazu, was im Vergleich zu den Büchern über Russland und den Iran das komplette Gegenteil war. Das ist also eine total persönliche Wahrnehmung, wobei die Leseerfahrung aber trotzdem wahnsinnig spannend war! Wie es auch im Buch erwähnt wird, ist es sehr schwierig die Saudis so richtig kennenzulernen. So konnten meine Erwartungen nicht komplett erfüllt werden, ihre eigene und ehrliche Meinung zu ihrem Land und dem herrschenden Regime zu bekommen, was im Endeffekt vielleicht auch generell eine Sache der Unmöglichkeit ist.

Wie gerne wüsste ich, was seine Sichtweise ist. Aber hinter Mauern geschützt sind in Saudi-Arabien nicht nur Häuser und Paläste, sondern auch Gedanken. Es bleibt immer eine Barriere, so oft kratzt man als Besucher nur an der Oberfläche.

S. 247

Was zu der Spannung der Reise des Autors zusätzlich beigetragen hat, war der Zeitpunkt ihrer Vollendung, um Februar-März 2020 herum, genau bevor die weltweite Pandemie des COVID-19 ausgebrochen ist. So wird mit dem Ende eine direkte Verbindung zu der aktuellen Realität geschaffen, zu dem Moment als das Buch herausgekommen ist.

Man könnte auch sagen, Saudi arabien ist plötzlich überall. Dort, wo ich nun hinfliege, schüttelt man Frauen nicht die Hand, werden Gesichter in der Öffentlichkeit verborgen, sind Konzerte verboten, Kinos und Kneipen geschlossen. Die Wohlhabenden verschanzen sich zu Hause, die weniger Wohlhabenden machen draußen die Jobs, die gemacht werden müssen.

S. 252

Im Großen und Ganzen ist das Buch eine absolute Weiterempfehlung meinerseits! Stephan Orth hat es wieder einmal geschafft, eine derart skurrile Reiseerfahrung in ein spannendes Buch zu verarbeiten. Man kann gespannt bleiben, wo auf dem Globus seine nächsten Abenteuer auf ihn warten 🙂

“Couchsurfing in Saudi Arabien” – Stephan Orth (2021)

★★★★☆ (4/5)

Edition: ISBN 978-3-89029-570-1
Piper Verlag, 2021

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